R3b. Kompetenzen, Wissen, Einstellungen und Werte von Genesungsbegleitern im Bereich Sucht zur Unterstützung der Genesung und Stärkung der Gemeinschaft (SAMHSA 2023)
Allgemeiner Rahmen

Die Abbildung zeigt den allgemeinen Rahmen der Peer-Arbeit im Bereich Sucht. Die zwei Kernfunktionen des Peer-Mitarbeiters sind 1) die Unterstützung der Genesung und 2) die Stärkung der Gemeinschaft, die im Zentrum der Pyramide stehen. Das Wissen (d. h. die Kenntnis und das Verständnis der wichtigsten Fragen und Informationen im Zusammenhang mit der Genesung), die Werte (d. h. genesungsorientierte Einstellungen, Überzeugungen und ethische Grundsätze) und die Kompetenzen (d. h. erworbene Fähigkeiten und natürliche Begabungen, die die Genesung fördern), die ein Peer-Mitarbeiter benötigt, um in diesen Kernfunktionen effektiv zu sein, sind die Elemente, die die Pyramide vervollständigen. Die Basis der Pyramide repräsentiert ihre gelebte Erfahrung mit problematischem Substanzkonsum, Verhaltensänderung und Genesung. Dies ist das Fundament der Arbeit des Peer-Spezialisten, das sein Wissen, seine Werte, seine Kompetenzen und seine Fähigkeiten stützt.
0. Die Kernkompetenzen (Seite 40)
Das Dokument gibt einen Überblick über die Kernkompetenzen der SAMHSA (Core Competencies for Peer Workers), die auf fünf Prinzipien beruhen:
- Genesungsorientiert
- Beziehungsorientiert
- Personenzentriert
- Freiwillig
- Traumasensibel
Und es stellt 12 Kompetenzkategorien vor:
- Menschen in partnerschaftliche, von Fürsorge geprägte Beziehungen einbinden
- Unterstützung anbieten
- Eigene Genesungserfahrungen teilen
- Peer-Unterstützung individuell an die Bedürfnisse des Einzelnen anpassen
- Die Genesungsplanung unterstützen
- Menschen bei der Krisenbewältigung helfen
- Menschen mit Ressourcen, Diensten und Unterstützungsangeboten vernetzen
- Informationen über Gesundheit, Wohlbefinden und Genesung teilen
- Kommunikation wertschätzen
- Teamarbeit unterstützen
- Führung und Interessenvertretung (Advocacy) fördern
- Persönliche und berufliche Weiterentwicklung fördern
1. Unterstützung der Genesung
1.1 Erforderliches Wissen für die Unterstützung der Genesung (Seiten 41-50)
- Auswirkungen von problematischem Substanzkonsum (Effects of Problematic Substance Use): Peers sollten über allgemeines Wissen verfügen bezüglich der Auswirkungen von Substanzen auf Gehirn und Körper, der gesundheitlichen Folgen (einschließlich Infektionskrankheiten), der Auswirkungen auf familiäre und soziale Beziehungen, der Verbindung zu gleichzeitig auftretenden psychischen Störungen, der Verbindung zu negativen Lebensereignissen (Strafjustiz, Obdachlosigkeit, Trauma) und der Verbindung zu sozialen Determinanten der Gesundheit.
- Sensibilisierung für Traumata und Begleiterkrankungen (Trauma and Co-Occurring Disorder Awareness): Verständnis der allgemeinen Anzeichen von Traumata, der Auswirkungen von Traumata und gleichzeitigen psychischen Erkrankungen auf die Genesung, der lokalen verhaltensmedizinischen Dienste und der Art und Weise, wie Traumata jeden Menschen unterschiedlich beeinflussen.
- Kulturelle Sensibilität (Cultural Responsiveness): Fähigkeit, Überzeugungen, Praktiken und Werte vielfältiger Bevölkerungsgruppen zu respektieren, zu akzeptieren und darauf zu reagieren, interkulturell in einfacher Sprache zu kommunizieren, kulturell relevante Themen in die Dienste einzubeziehen und die Auswirkungen von Ethnozentrismus und Rassismus auf die Leistungserbringung zu untersuchen.
- Genesung als individueller Weg (Recovery as an Individual Journey): Zu verstehen, dass jeder Mensch seinen eigenen Genesungsweg gestaltet, ist wichtig, um die Betroffenen dort abzuholen, wo sie stehen, und die Herausforderungen zu verstehen, mit denen sie konfrontiert sind.
- Transtheoretisches Modell der Phasen der Veränderung (Stages of Change): Das transtheoretische Modell der Phasen der Veränderung veranschaulicht, wie Menschen ihre gesundheitsriskanten Verhaltensweisen ändern. Das Bewusstsein für die Phasen der Veränderung kann Peers helfen, die Mentalität von Individuen zu verstehen, während sie im Genesungsprozess voranschreiten. Die fünf Phasen sind: Absichtslosigkeit, Absichtsbildung, Vorbereitung, Aktion, Aufrechterhaltung
- Genesung als Prozess (Recovery as a Process): Obwohl es keinen spezifischen Zeitplan für das Erreichen der Genesung gibt, deutet die Forschung darauf hin, dass es sich um einen schrittweisen Prozess handelt, der im Laufe der Zeit zu Verbesserungen der Lebensqualität, des Selbstwertgefühls und des Glücks führt. Eine nationale repräsentative Studie ergab, dass es im Durchschnitt etwa 15 Jahre Genesung braucht, um die gleiche Lebensqualität wie die Allgemeinbevölkerung zu erreichen.
- Genesungskapital (Recovery Capital): Genesungskapital bezeichnet die Ressourcen, die Einzelpersonen zur Verfügung stehen und ihnen helfen können, eine langfristige Genesung zu beginnen und beizubehalten. Diese Ressourcen können interner oder externer Natur sein. Das Genesungskapital unterteilt sich in mehrere Kategorien: persönlich, familiär/sozial, gemeinschaftlich und kulturell. Ein höheres Genesungskapital ist mit positiven Ergebnissen verbunden, wie dem Abschluss der Behandlung, der Wahrnehmung von Nachsorgeterminen und dem Erreichen der Ziele des Genesungsplans.
1.2 Grundwerte für die Unterstützung der Genesung
Peers teilen viele ethische Werte, darunter (Seiten 51-52, Kapitel 3):
- Hoffnung (Hope): Hoffnung durch gelebte Erfahrung inspirieren und zeigen, dass Genesung für alle möglich ist. Hoffnung ist nichts, was Peers geben können, aber sie können sie leihen, indem sie ein Vorbild sind.
- Authentizität (Authenticity): Geschichten aus der eigenen Erfahrung reflektiert teilen und sich darauf konzentrieren, wie diese Geschichten dem Einzelnen nützen. Die eigene Genesungserfahrung wahrheitsgetreu darstellen.
- Ehrlichkeit (Honesty): Ehrliche, direkte und kulturell sensible Kommunikation mit Mitgefühl praktizieren. Eigene Fehler eingestehen.
- Kulturelle Sensibilität (Cultural responsiveness): Kulturell angemessene Dienste anbieten, respektvoll und aufrichtig neugierig auf unterschiedliche kulturelle Überzeugungen und Praktiken sein.
- Respekt (Respect): Personen mit Würde behandeln, ihre einzigartigen Beiträge ehren. Geduld, Freundlichkeit und Herzlichkeit praktizieren.
- Offenheit (Open-mindedness): Nicht wertend, akzeptierend, mitfühlend, empathisch sein und bereit sein, „in den Schuhen des anderen zu gehen“.
- Toleranz (Tolerance): Die vielfältigen Wege zur Genesung unterstützen.
- Kooperation (Cooperation): Kooperative Beziehungen eingehen (gegenseitiger Austausch statt Expertenhaltung), offen dafür sein, von der Person in Genesung zu lernen.
- Klarheit und Offenheit (Being clear and open): Einfache Sprache verwenden, klare Informationen über die Rolle des Peers und die Erwartungen an die Peer-Dienste geben, über Vertraulichkeit informieren.
- Personenzentrierter Fokus (Person-driven focus): Die vielfältigen Wege zur Genesung ehren und respektieren, das Grundrecht der Menschen anerkennen, Entscheidungen über ihr eigenes Leben zu treffen.
- Stärkenorientierter Fokus (Strengths-based focus): Sich auf das konzentrieren, was gut läuft, statt auf das, was falsch läuft. Personenzentrierte Sprache verwenden (z. B. „Person mit Substanzgebrauchsstörung“ statt „ein Süchtiger“).
- Ganzheitlicher Fokus auf Genesung und Wohlbefinden (Holistic recovery and wellness focus): Die physischen, mentalen, emotionalen, relationalen und spirituellen Aspekte der Genesung anerkennen. Offen sein für spirituelle und nicht-spirituelle Wege.
Weitere Punkte:
- Ethische Prinzipien in Aktion: Ethikkodizes schützen die Klienten von Programmen vor Schaden und schützen Peers, indem sie Orientierung zu angemessenen Beziehungsgrenzen und potenziellen Interessenkonflikten bieten (Seite 52, Kapitel 3).
- Professionelle Grenzen (Exhibit 3.2): Das Dokument unterscheidet zwischen starren Grenzen (emotionale Distanz, strikte Formalität), gesunden Grenzen (klare Kommunikation, definierte Rollen, Bewusstsein für eigene Grenzen) und schwachen Grenzen (Vermischung von persönlicher und beruflicher Identität, übermäßige Selbstoffenbarung) (Seite 54, Kapitel 3).
- Erkennung von Rollenüberschreitungen (Exhibit 3.4): Das Dokument enthält eine Tabelle mit Warnsignalen für vier Rollen, die mit der des Peers verwechselt werden können (Seiten 57-58, Kapitel 3): Selbsthilfe-Sponsor, Berater, medizinischer Dienstleister, religiöser/spiritueller Begleiter.
1.3 Kompetenzen und Fähigkeiten für die Unterstützung der Genesung (Seiten 62-77)
- Erfolgreiche Beziehungen aufbauen (Building Successful Relationships): Präsent zu sein ist ein Schlüsselelement: empathisch zuhören, sich der eigenen Voreingenommenheit bewusst sein, sich voll und ganz auf die Anliegen der Person konzentrieren, aufrichtig neugierig sein, auf die Bedeutung und die Emotionen hinter den Worten hören (Seite 62, Kapitel 3).
- Einen personenzentrierten Fokus beibehalten (Person-Centered Focus): Die Aufmerksamkeit auf der Person belassen, statt auf den eigenen Ideen oder denen eines anderen Dienstleisters. Das Individuum muss im Zentrum des Gesprächs stehen (Seite 62, Kapitel 3).
- Echte Neugier kultivieren (Cultivating Genuine Curiosity): Wenn ein Peer aufrichtig neugierig ist, denkt er nicht an seine eigenen Ideen oder daran, das Gespräch zu lenken. Die Praxis der Achtsamkeit kann helfen, diese Neugier zu entwickeln (Seiten 64-65, Kapitel 3).
- Geschickte Fragestellung (Asking Questions Skillfully): Technik der motivierenden Gesprächsführung: offene Fragen („wie“ oder „was“) gegenüber geschlossenen Fragen bevorzugen; „Erzählen Sie mir von…“ verwenden, um Erzählungen anzuregen; „Warum“-Fragen vermeiden, die wertend wirken können (Seite 65, Kapitel 3).
- Eine Geschichte entwickeln (Storytelling): Das Erzählen der eigenen Geschichte ist eine Form der Selbstoffenbarung, die motivieren und inspirieren kann. Exhibit 3.6 stellt drei Teile des Storytellings für Peers vor: die individuelle Geschichte (im Einzelgespräch geteilt), die Gruppengeschichte (in der Genesungsgruppe geteilt) und die öffentliche Geschichte (geteilt, um die Öffentlichkeit aufzuklären und zu sensibilisieren) (Seite 69, Kapitel 3).
- Einen Genesungs- und Wohlbefindensplan entwickeln (Developing a Recovery and Wellness Plan): Ein Genesungsplan unterscheidet sich von einem Behandlungsplan. Der Genesungsplan wird weitgehend von der Person selbst erstellt, die die Verantwortung dafür übernimmt. Es ist ein „lebendiges Dokument“, das oft überarbeitet werden sollte. Er dient als Fahrplan für das Handeln (Seiten 71-72, Kapitel 3).
- Individuen effektiv mit Ressourcen vernetzen (Effectively Linking): Peers helfen Einzelpersonen aktiv beim Zugang zu gemeinschaftlichen Ressourcen, indem sie Strategien der aktiven Verknüpfung (die Person begleiten) statt der passiven (einfach eine Telefonnummer geben) anwenden (Seiten 73-75, Kapitel 3).
- Gruppen leiten (Facilitating Groups): Peers können Genesungsgruppen moderieren. Zu den Kompetenzen gehören: Gruppennormen etablieren, Gruppendynamik steuern, um Erlaubnis bitten, bevor Feedback gegeben wird, „Ich“-Botschaften verwenden, Rat beim Supervisor suchen, um die Moderationsfähigkeiten zu verbessern (Seiten 77-78, Kapitel 3).
- Selbstfürsorge und Aufrechterhaltung der Genesung (Self-Care and Recovery Maintenance): Die Ausübung von Selbstfürsorge ist ein ethisches Prinzip, das auf dem Wert der ganzheitlichen Genesung basiert. Peers sollten sich daran erinnern, dass ihre eigene Genesung an erster Stelle steht. Exhibit 3.5 bietet ein Raster mit Tipps zur Selbstfürsorge in den Bereichen: physisch, psychologisch, emotional, spirituell, beruflich (Seiten 59-60, Kapitel 3).
2. Aufbau der Gemeinschaft
2.1 Wissen (Community Building: Knowledge)
Peers müssen die verschiedenen Arten und Kulturen von Genesungsgemeinschaften (RCC, RCO) verstehen und wissen, wie diese mit den von den Einzelpersonen gewählten Genesungswegen und ihren kulturellen Kontexten übereinstimmen (Seite 78, Kapitel 3).
Peers müssen sich bewusst sein, dass Medikamente verfügbar sind, verstehen, warum sie verschrieben werden, und erkennen, wie sie Personen unterstützen können, die sich für Medikamente zur Unterstützung der Genesung entschieden haben (Seite 79, Kapitel 3).
2.2 Werte (Community Building: Values)
- Genesung ist für alle möglich (Recovery Is Possible for Everyone): Die Genesungsbewegung fördert zentrale Einstellungen, Überzeugungen und Werte: Genesung ist für alle möglich, es gibt viele Wege zur Genesung und Genesung ist eine Entscheidung (Seite 79, Kapitel 3).
- Gelebte Erfahrung ist wertvoll (Lived Experience Is Valuable): Gelebte Erfahrung nützt der Genesungsgemeinschaft, indem sie: Hoffnung inspiriert; Zuverlässigkeit zeigt; das Vertrauen von Personen gewinnt, die noch nicht bereit sind, sich zu binden; Selbstfürsorge vorlebt; eine Perspektive von Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion vorlebt; Menschen inspiriert, eine aktive Rolle in ihrem Leben zu übernehmen; die gemeinschaftliche Solidarität unterstützt; das langfristige Wohlbefinden unterstützt; Wissen teilt, das im Umgang mit den Herausforderungen der Behandlungs- und Dienstleistungssysteme erworben wurde.
2.3 Kompetenzen und Fähigkeiten (Community Building: Skills and Abilities)
- Fortlaufende Schulung (Training): Schulungen sind unerlässlich, um sicherzustellen, dass Peers über das Wissen und die Fähigkeiten verfügen, um gemeinschaftliche Ressourcen und Unterstützungen für Menschen in Genesung zu identifizieren. Schulungen können auch Werkzeuge bereitstellen, um eigene Voreingenommenheiten zu erkennen und zu bewältigen (Seite 80, Kapitel 3).
- Kartierung gemeinschaftlicher Ressourcen (Community-Based Asset Mapping): Die Kartierung gemeinschaftlicher Ressourcen ist ein Prozess der Konsultation mit der lokalen Gemeinschaft, um bestehende Ressourcen zu identifizieren, die die Genesung unterstützen (Seite 81, Kapitel 3).
- Netzwerkarbeit (Networking): Die Vernetzung mit Gemeinschaftsorganisationen und Outreach-Programmen kann das Bewusstsein für Probleme im Zusammenhang mit Substanzkonsum schärfen und Menschen helfen, Zugang zu Diensten zu finden (Seite 79, Kapitel 3).
- Gemeinschaftliche Bildung (Community Education): Peers führen Aktivitäten zur gemeinschaftlichen Bildung durch, darunter: die Öffentlichkeit über Probleme des Substanzkonsums und Genesungswege aufklären; Zeugnis ablegen von der transformativen Kraft der Genesung; kostenlose Bildungs- und Sozialveranstaltungen organisieren; Kampagnen in sozialen Netzwerken erstellen; Sensibilisierung in verschiedenen gemeinschaftlichen Umfeldern (Seiten 20-21, Kapitel 2).
- Interessenvertretung und gemeinschaftliche Führung (Advocacy and Community Leadership): Peers fördern politische Veränderungen, die die Genesung und die soziale Inklusion von Menschen in Genesung unterstützen, und fungieren als Botschafter der Genesung in der Gesellschaft. Die Interessenvertretung umfasst: Arbeit mit Genesungsgemeinschaften, Bereitstellung öffentlicher und professioneller Bildung, Unterstützung von Gesetzen und Richtlinien, die die Genesung begünstigen, Teilnahme an Feierlichkeiten zur Genesung (Seiten 24, 83-84, Kapitel 2-3).
Hauptquelle(n)
SAMHSA, « Incorporating Peer Support Into Substance Use Disorder Treatment Services (TIP 64) », Substance Abuse and Mental Health Services Administration, 2023. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK596262/.
Dieses Merkblatt ergänzt einen Leitfaden zur Peer-Unterstützung in der Suchtarbeit, der im Rahmen des Projekts „Sucht im Spital“ erstellt wurde.
Es ist Teil eines thematischen Ressourcenhefts, das als PDF heruntergeladen werden kann.
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