R8b. Beispiel eines Pflichtenhefts für Peer-Begleiter in der Suchthilfe in der Outreach-Arbeit (HUG)
1. Kontext und Ziele
Dieses Pflichtenheft dient der Definition von Rollen, Verantwortlichkeiten, Kompetenzen, Bedingungen und Grenzen, die für die Integration von Peer-Begleitern in der Suchthilfe in ein multidisziplinäres Team erforderlich sind. Das Team RUE arbeitet mit Menschen in prekären Lebenslagen, insbesondere im Kontext von Drogenkonsum auf der Straße.
Ziele:
- Stärkung des Vertrauens und Erleichterung des Zugangs zur Versorgung für die Nutzenden.
- Integration von Erfahrungswissen und personalisierter psychosozialer Unterstützung.
- Förderung eines integrierten, inklusiven und humanistischen Ansatzes, um den Bedürfnissen der am stärksten gefährdeten Personen gerecht zu werden.
2. Aufgaben der Peer-Begleiter
Empfang und Orientierung der Nutzenden
- Aufsuchen der Nutzenden an Konsumorten oder in prekären Wohnverhältnissen, im Tandem mit einem Mitglied des Teams RUE.
- Aufbau einer Vertrauensbeziehung durch ein gemeinsames Verständnis der gelebten Realitäten.
- Vermittlung der Nutzenden an geeignete Versorgungs-, Unterbringungs- oder Unterstützungsstrukturen.
- Beteiligung an der Datenerfassung.
- Psychosoziale Unterstützung und Begleitung
- Bereitstellung von moralischer und emotionaler Unterstützung, angepasst an die Bedürfnisse der Nutzenden (über Telefonanrufe, Nachrichten oder persönliche Treffen), innerhalb der vom Peer-Begleiter definierten Grenzen.
- Weitergabe praktischer Ratschläge zur Schadensminderung im Zusammenhang mit dem Substanzkonsum.
- Unterstützung der Nutzenden bei administrativen oder medizinischen Angelegenheiten in Abstimmung mit den Fachkräften des Teams.
- Sicherstellung der Nachverfolgung von Maßnahmen und Berichterstattung in den Teamsitzungen.
Zusammenarbeit mit dem medizinischen und sozialen Team
- Teilnahme an Teamsitzungen, um Beobachtungen aus der Praxis und Entwicklungen in der Betreuung zu teilen.
- Erleichterung der Kommunikation zwischen Nutzenden und Fachkräften zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses.
- Beitrag zur Entwicklung von Interventionsstrategien, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Nutzenden zugeschnitten sind.
Mediation und Prävention
- Entschärfung möglicher Spannungen zwischen Nutzenden und ihrem Umfeld (Nachbarschaft, Ordnungskräfte usw.), stets in Begleitung einer Fachkraft.
- Förderung der Schadensminderung und Prävention (Verteilung von Utensilien zur Schadensminderung, Beratung zum Konsum usw.).
- Beitrag zur Sensibilisierung der Nutzenden für verfügbare Dienste und Unterstützungsangebote.
3. Arbeitsbedingungen und Engagement
- Arbeit im Tandem: Peer-Begleiter dürfen niemals allein aufsuchende Arbeit oder Interventionen durchführen.
- Festlegung persönlicher Grenzen: Peer-Begleiter müssen ihre Grenzen definieren (z. B. Arten von Aufgaben oder Zielgruppen, mit denen sie nicht arbeiten möchten). Diese Grenzen können sich je nach Erfahrung und persönlicher Entwicklung verändern.
- Arbeitsbelastung: Für eine Vollzeittätigkeit wird die gleichzeitige Betreuung von fünf Nutzenden empfohlen. Diese Belastung kann je nach Beschäftigungsgrad und Erfahrung angepasst werden.
- Umgang mit schwierigen Situationen: Bei Schwierigkeiten oder Unbehagen müssen die Peer-Begleiter den verantwortlichen Arzt oder die verantwortliche Ärztin des Teams oder eine Pflegefachkraft des Teams kontaktieren, die Respekt, Vertraulichkeit und Unterstützung gewährleisten.
4. Erforderliche Kompetenzen
- Eigene Erfahrung im Bereich der Abhängigkeitserkrankungen und die Bereitschaft, diese in den Dienst anderer zu stellen.
- Fähigkeit zum aktiven Zuhören und Einnehmen einer wohlwollenden, nicht wertenden und respektvollen Haltung.
- Fähigkeit zur Arbeit in einem multidisziplinären Team und zur Anpassung an unterschiedliche Kontexte.
- Beherrschung der Prinzipien der Schadensminderung und praktische Kenntnisse über Substanzen und deren Wirkungen.
- Fähigkeit, klare Grenzen zu setzen, um das persönliche Gleichgewicht zu wahren.
5. Fortbildung und Unterstützung
- Einführungsschulung: Die Peer-Begleiter erhalten eine Schulung zu den Prinzipien der Schadensminderung, den Instrumenten der psychosozialen Begleitung und den Abläufen des Teams RUE.
- Kontinuierliche Unterstützung: Es werden regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen angeboten, um die Kompetenzen der Peer-Begleiter zu stärken und sie bei der Bewältigung komplexer Situationen zu unterstützen.
- Zugang zu Ressourcen: Die Peer-Begleiter haben Zugang zu einem Verzeichnis lokaler Ressourcen (Versorgung, Unterbringung, soziale Unterstützung), um die Nutzenden besser orientieren zu können.
6. Bewertung und Nachverfolgung
- Kontinuierliches Feedback: Die Peer-Begleiter sind eingeladen, ihre Erfahrungen zu teilen, um den Rahmen ihrer Intervention anzupassen.
- Überprüfung der Ziele: Regelmäßige Bilanzierungen ermöglichen es sicherzustellen, dass die Kooperationsziele erreicht werden, und eventuellen Anpassungsbedarf zu erkennen.
- Individuelle Bewertung: Jeder Peer-Begleiter wird regelmäßig hinsichtlich seiner Integration, seiner Arbeitsbelastung und seines Wohlbefindens bewertet.
7. Ethisches Engagement
- Respektierung der Vertraulichkeit und der Rechte der Nutzenden.
- Einhaltung der Prinzipien der Schadensminderung und des humanistischen Ansatzes.
- Verpflichtung zur Einhaltung der vom Team RUE definierten Verfahren und Grenzen.
- Einhaltung der HUG-Charta
Hauptquelle(n)
HUG – Team RUE, „Pflichtenheft für Peer-Begleiter in der Suchthilfe in Zusammenarbeit mit dem Team RUE (Rasche und Engagierte Antwort)“, 2024.
Dokument übergeben an die AG Peer-Hilfe im Suchtbereich.
Dieses Merkblatt ergänzt einen Leitfaden zur Peer-Unterstützung in der Suchtarbeit, der im Rahmen des Projekts „Sucht im Spital“ erstellt wurde.
Es ist Teil eines thematischen Ressourcenhefts, das als PDF heruntergeladen werden kann.
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