R9c. Wichtigste Hemmnisse für die Integration der Peer-Begleitung im Bereich Sucht in einem Krankenhaussetting – je nach Zeitpunkt der Umsetzung (Egli Anthonioz et al. 2024)

Integrationsschwierigkeiten

Ebene: Team

Zeitpunkt: Vor Beginn der Umsetzung

Referenzen: Mutschler et al., 2019; Jack et al., 2018; Jacobson et al., 2012

  • Auf Ebene der Station bringt die Einführung einer Peer-Person Veränderungen in der Dynamik mit sich, die begleitet und besprochen werden müssen. Dazu gehört insbesondere die Neudefinition des Aufgabenbereichs bestimmter eher „traditioneller“ Rollen oder die Interaktion mit dem paramedizinischen Personal, andernfalls drohen unklare Rollen oder Spannungen im Team.

Finanzierung der Zusammenarbeit

Ebene: Kontext

Zeitpunkt: Vor Beginn der Umsetzung

Referenzen: Al Kurdi, C. 2023

  • Die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Finanzierung sind systemischer Natur. Neben der Projektfinanzierung stehen sich zwei Systeme gegenüber: die Fallfinanzierung und die Strukturfinanzierung. Zudem werden gewisse Leistungen von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen, andere nicht. Insbesondere Koordinationsaktivitäten oder die soziale Begleitung werden nicht von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen. Die Finanzierung der verschiedenen Kooperationspartner stammt aus unterschiedlichen Quellen und erfolgt nach unterschiedlichen Mechanismen (pro Fall oder pro Leistung). Wenn die Finanzierung der Kooperationsaktivitäten pro Fall erfolgen muss, kann dies problematisch sein.

Personalmangel

Ebene: Kontext

Zeitpunkt: Vor Beginn der Umsetzung

Referenzen: Crisanti et al., 2022

  • Die Rekrutierung von Peer-Begleiter·innen kann durch einen Mangel an verfügbaren Personen erschwert werden. Peer-Personen müssen nicht nur einen kontrollierten Konsum haben (oder abstinent sein), sondern auch ausgebildet sein, gegebenenfalls Kriterien erfüllen, die eine Vergütung ihrer Leistungen ermöglichen, und an der entsprechenden Tätigkeit interessiert sein. Dies kann von der Entlöhnung und den Ansprüchen auf finanzielle Unterstützungen abhängen; Peer-Personen, die zwar anspruchsberechtigt sind, deren Mitarbeit jedoch im Vergleich zur Sozialhilfe zu einem Einkommensverlust führen würde, werden dies eher nicht akzeptieren.

Einstellungen und Überzeugungen gegenüber Peer-Personen

Ebene: Individuell

Zeitpunkt: Vor Beginn und währenddessen

Referenzen: Watson et al., 2022, Collins et al., 2019; Jack et al., 2018, Stack et al 2022

  • Innerhalb der Teams können einzelne Mitglieder Einstellungen und Überzeugungen gegenüber Peer-Begleiter·innen haben, die eine ruhige Integration dieser Personen nicht zulassen und zur Abwertung der Peer-Rolle bis hin zu Stigmatisierung und Diskriminierung führen können.

Geltende Regeln zur Anstellung von Personen

Ebene: Struktur

Zeitpunkt: Vor Beginn der Umsetzung

Referenzen: Satinsky et al., 2021, Crisanti et al., 2022, Watson et al., 2022

  • In Krankenhäusern kann in gewissen Fällen ein einwandfreier Strafregisterauszug verlangt werden, bevor eine Person angestellt werden kann. Dies kann bei Peer-Begleiter·innen problematisch sein, deren Erfahrung häufig auch rechtliche Probleme oder sogar Verurteilungen umfasst.

Geltende Regeln zu den Zugriffsrechten auf Dossiers

Ebene: Struktur

Zeitpunkt: Vor Beginn der Umsetzung

Referenzen: Watson et al., 2022

  • In Krankenhäusern ist der Zugang zu Daten zu Recht stark reguliert. Um ihre Aufgaben erfüllen und integraler Bestandteil des Behandlungsteams sein zu können, benötigen Peer-Personen jedoch unter Umständen Zugang zu Patient·innendaten, einschliesslich Schreibrechten (je nach Rolle). Dieser Zugang kann je nach Anstellungsstatus der Peer-Personen sowie danach, ob die Anstellung direkt durch das Krankenhaus oder über einen Verein erfolgt, mehr oder weniger leicht zu erhalten sein.

Fluktuation, Wechsel der Personen

Ebene: Team

Zeitpunkt: Währenddessen

Referenzen: Satinsky et al., 2021, Lygren et al., 2019

  • Ob Teammitglieder, Peer-Personen, Mitglieder von Liaison-Teams oder Sozialarbeiter·innen: Interprofessionelle Zusammenarbeit setzt ein gewisses Mass an gegenseitigem Vertrauen oder Bekanntheit voraus. Häufige Personalwechsel stellen ein Hemmnis dar – sowohl dafür, dass die Zusammenarbeit überhaupt zustande kommt, als auch dafür, dass sie harmonisch ablaufen kann.

Burnout

Ebene: Individuell

Zeitpunkt: Währenddessen

Referenzen: Crisanti et al., 2022 ; Launay & Maugiron, 2017 ; Englander et al., 2020; Collins et al., 2019; Stack et al., 2022

  • Insbesondere die emotionalen Anforderungen im Rahmen der Arbeit von Peer-Begleiter·innen in einem Umfeld, das stressig sein kann (z. B. die Notaufnahme), können bei Peer-Begleiter·innen zu Burnout führen.

Haftungsausschluss der Autorin: Die vorgeschlagene Liste der Hindernisse, Erleichterungen und empfohlenen Praktiken ist nicht erschöpfend, da sie aus einer orientierten Literaturübersicht („Scoping Review“) stammt.

Quellen

Al Kurdi, C. (2023). Rapport de synthèse sur le financement de l’offre en cas d’addictions en Suisse: Enjeux et pistes d’action. Lausanne : Groupement Romand d’Etude des Addictions (GREA). https://grea.ch/actualites/rapport-financement-2023/
Collins, D., Alla, J., Nicolaidis, C., Savageau, J. A., Stanton, M., Englander, H., … (2019). “If it wasn’t for him, I wouldn’t have talked to them”: Qualitative study of addiction peer mentorship in the hospital. Journal of General Internal Medicine, 34(10), 2145–2152.  
Crisanti, A. S., Earheart, J., Rosenbaum, N. A., Tinney, M., & Duhigg, D. J. (2022). Implementation of peer support services in emergency departments: A feasibility study. Journal of Dual Diagnosis, 18(3), 163–171.  
Englander, H., Mahoney, S., Engard, B., Gregg, J., Dobbertin, K., & Behrends, C. (2020). Tools to support hospital-based addiction care: Core components, values, and activities of the Improving Addiction Care Team (IMPACT). Journal of Addiction Medicine, 14(2), e12–e17.  
Englander, H., Weimer, M., Solotaroff, R., Nicolaidis, C., Chan, B., Velez, C., … Harmon, A. (2017). Planning and designing the Improving Addiction Care Team (IMPACT) for hospitalized adults with substance use disorder. Journal of Hospital Medicine, 12(5), 339–342.  
Jack, H. E., Oller, D., Kelly, J., Magidson, J. F., & Wakeman, S. E. (2018). Addressing substance use disorder in primary care: The role, integration, and impact of recovery coaches. Substance Abuse, 39(3), 307–314.  
Jacobson, N., Trojanowski, L., & Dewa, C. S. (2012). What do peer support workers do? A job description. BMC Health Services Research, 12, 205.   
Lygren, H., Johannessen, A., Øygarden, O., & Bjørgen, D. (2019). Experiences with user involvement in mental health and substance use services in Norway. International Journal of Integrated Care, 19(4), 397.  
McCann, T. V., & Lubman, D. I. (2021). Stigma and discrimination perspectives of people who use methamphetamine. Journal of Psychosocial Nursing and Mental Health Services, 59(11), 33–41.  
Mutschler, C., Lichtenstein, S., Kidd, S. A., & Davidson, L. (2019). Transition experiences of peer workers in mental health services. Qualitative Health Research, 29(10), 1423–1434.  
Rawlinson, C., Carron, T., Cohelet, C., Croisier, A., Fassa, G., Pinget, C., … Peytremann-Bridevaux, I. (2021). An overview of reviews on interprofessional collaboration in primary care: Barriers and facilitators. International Journal of Integrated Care, 21(2), 32.  
Satinsky, E. N., Doran, K., Gutiérrez, M. A., & Cluver, L. (2021). Peer support for people living with HIV and substance use in low- and middle-income countries: A systematic review. Drugs: Education, Prevention and Policy, 28(5), 411–423.  
Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften. (2020). Die Zusammenarbeit der Gesundheitsfachleute. Bericht. Swiss Academies Reports, 15(2).  
Stack, E., Hildebrand, C., Gause, E., Aiston-Wines, K., & Becker, T. (2022). Peer recovery support services across the continuum: In, out, and beyond treatment. Journal of Substance Abuse Treatment, 133, 108650.
Streck, J. M., Shin, D., Kelly, J. F., Gai, M. J., Gouse, H., & Wakeman, S. E. (2023). Peer recovery coaches and tobacco use treatment in addiction treatment settings. Nicotine & Tobacco Research, 25(6), 1107–1111.  
Stremlow, J., et al. (2023). Bases de la politique (inter)cantonale en matière de pilotage de l’aide aux personnes dépendantes. 

Hauptquelle(n)

Egli Anthonioz (2024). Zusammenarbeit zwischen Versorgungsbereichen und Suchtfachpersonen: Hemmnisse, Förderfaktoren und empfohlene Praktiken (Synthesetabelle). Lausanne: Sucht Schweiz.

https://hopital-addictions.ch/recherche-preliminaire/

Auszug aus der Synthesetabelle

Dieses Merkblatt ergänzt einen Leitfaden zur Peer-Unterstützung in der Suchtarbeit, der im Rahmen des Projekts „Sucht im Spital“ erstellt wurde.

Es ist Teil eines thematischen Ressourcenhefts, das als PDF heruntergeladen werden kann.

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